{"id":18,"date":"2008-06-12T10:03:17","date_gmt":"2008-06-12T08:03:17","guid":{"rendered":"http:\/\/cameracartell.com\/blog\/?p=18"},"modified":"2008-10-16T19:15:59","modified_gmt":"2008-10-16T17:15:59","slug":"concept","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/cameracartell.com\/wp\/?p=18","title":{"rendered":"Zwischen Bild und Ton"},"content":{"rendered":"<p>between sound and image \/\/<br \/>\na column about getting confused by using an audioguide during a visit at a museum<\/p>\n<p><strong>Den Audiotrichter<br \/>\nbitte mit Navigationssystem <\/strong><br \/>\nvon Fabienne Lorenz<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/cameracartell.com\/wp\/wp-content\/uploads\/2008\/09\/trichter.jpg\" alt=\"trichter2\" \/><br \/>\nMeist liegen die Audioguides in einem Museum abseits der Ticketkasse auf bewachten Tischen, wo ich nie vorbeischaue. Dieses mal bekomme ich ihn einfach am Eingang zur Ausstellung in die Hand gedr\u00fcckt. Es ist ein flaches Rechteck mit Touchscreen in der Mitte und l\u00e4sst sich bequem greifen. Auf ihm erscheinen beim Eintreten in die Ausstellung mehrere kleine Kn\u00f6pfe mit Landesfahnen. Ich darf hier wohl meine Sprache ausw\u00e4hlen. Um mich herum unternehmen auch die anderen Besucher ihre ersten Schritte im Programm des Audioguides. W\u00e4hrend noch ein Asteroid den Ladevorgang umkreist, schleiche ich gesenkten Kopfes, um nur ja das Ger\u00e4t nicht aus den Augen zu verlieren, geradeaus auf ein Gem\u00e4lde zu.<\/p>\n<p>Ich bin von der drei mal zehn Meter gro\u00dfen Leinwand, die da so pl\u00f6tzlich vor mir auftaucht, \u00fcberrascht. Das Bild ist voller Menschen \u2013 eine ganze Prozession zieht darauf an mir vorbei. Sie befindet sich auf dem Weg zum Museumsw\u00e4rter, von dem ich gerade herkomme. Interessiert neige ich meinen Kopf sofort wieder zu dem kleinen Bildschirm herunter, auf dem mittlerweile briefmarkenartige Kn\u00f6pfe erschienen sind. Ich dr\u00fccke die Inschrift &#8218;Start&#8216;.<\/p>\n<p>In den Kopfh\u00f6rern passiert noch nichts, ich habe zwei Briefmarken-buttons \u00fcbersehen. Eine B\u00fcste vom Typ sonst-stehe-ich-eher-als-Bauer-auf-dem-Schachfeld und eine Malerpalette mit Pinsel ersetzen jetzt die Fahnen. Ich bewundere noch die sorgf\u00e4ltig nach den Regenbogenfarben sortierten Punkte auf der Palette, w\u00e4hle dann aber sicherheitshalber doch lieber den Schach-Bauern. Nicht dass ich gleich am Anfang schon zum interaktiven Teil der Besichtigung vorsto\u00dfe und auf dem Touchscreen malen muss. Ich tippe darauf und stelle mich schon mal r\u00fcckw\u00e4rtsgehend vor der imposanten Leinwand bereit. Der Saal ist zu klein. Die ganze Bandbreite der Prozession findet keinen Platz in meinem Blickfeld. Egal wie ich mich auch hindrehe, ich kann immer nur Bildausschnitte sehen.<\/p>\n<p>Es erscheint das verst\u00e4ndige Gesicht eines Mannes auf dem Bildschirm in meiner Hand. Er beginnt sogleich mir von den Menschen auf dem Gem\u00e4lde zu erz\u00e4hlen, so als w\u00e4re sein Text eine Geschichte aus Tausend und einer Nacht. Ich habe M\u00e4rchen schon immer gern gehabt und hafte meinen Blick erwartungsvoll auf die Leinwand.<br \/>\nAus dem Audioguide &#8211; \u201eIm Vordergrund des Bildes von Sorolla erscheinen die vier Nazarener von San Esteban, welche in den f\u00fcr ihre Bruderschaft spezifischen, braunen Leinenkutten mit den spitzen, hoch aufragenden Kapuzen als Tr\u00e4ger der Marienstatue dem Prozessionszug der sevillanischen Semana Santa angeh\u00f6ren, &#8230;..\u201c<br \/>\nMeine Aug\u00e4pfel ruckeln, vor mir steht eine B\u00e4uerin mit roter Sch\u00e4rpe und einem Brotkorb in den Armen. Er beginnt mit seiner Beschreibung an einer anderen Stelle des Bildes! Ich will auf keinen Fall schon den Anfang verpassen und haste das zehn Meter lange Gem\u00e4lde entlang. Die Menschenmasse wippt in meinem Blickfeld. Da sind einige Kinder die etwas betreten im Sonntagsputz auf die staubige Stra\u00dfe starren, hinter ihnen Caballeros und Damas in spanischer Tracht, angeschirrte Pferde, noch mehr Frauen mit Sch\u00fcrzen und Brotk\u00f6rben; alles etwas folkloristisch, denke ich mir, als ich endlich beim Klerus ankomme.<\/p>\n<p>Ahhh! &#8211; raune ich erleichtert und laut. Weil ich trotz Kopfh\u00f6rer nicht alleine im Raum bin, h\u00f6ren es auch die anderen Besucher. Schauen sie mich schon verwundert von allen Seiten an? \u2013 Nein, sie sind genauso besch\u00e4ftigt wie ich.<\/p>\n<p>Der Sprecher ist mittlerweile beim Faltenwurf der schlichten Kutten angekommen. Von Bescheidenheit sehe ich bei den W\u00fcrdentr\u00e4gern aber nichts. Daf\u00fcr dicke Goldketten mit \u00fcberdimensionalen Anh\u00e4ngern, und f\u00fcr das Gewand vor meiner Nase hat sicher eine eierschalenfarbene Robe aus Seidenatlas von der spanischen K\u00f6nigin pers\u00f6nlich Modell gesessen. Mir kommt es fast so vor, als seien die Stickereien nicht gemalt, sondern auf die Leinwand gen\u00e4ht worden. Um mir wenigsten in diesem Punkt Klarheit zu verschaffen, trete ich n\u00e4her heran. Die ganzen Versprechungen von dem Kunsthistoriker im Audioguide machen mich ungeduldig. Ich will endlich die schmuddligen Kutten der Nazarener sehen! Aber mein drohender Blick aus k\u00fcrzester Entfernung kratzt sie auch nicht hervor. Alles echt \u2013 da ist kein Stoff aufgeklebt.<\/p>\n<p>\u201eDie Farbgebung taucht den Betrachter in die Finsternis des Mittelalters. Schwarz, Anthrazit und Nachtblau umgeben die Nazarener.\u201c Ich habe schon ein leicht schiefes L\u00e4cheln im Gesicht. Die Szene vor mir ist so bunt wie eine Schie\u00dfbude, zur ihrer Vollendung fehlen nur noch die blinkenden Lichter.<\/p>\n<p>Der Sprecher muss sich in der falschen Ausstellung befinden. Das Audio-Ding ist kaputt! Ich nehme sofort Kurs in Richtung Museumsw\u00e4rter und eile schon das kilometerlange Bild wieder zur\u00fcck. Doch da sehe ich, in dem Moment, in dem ich mich umdrehe, ein ziemlich d\u00fcsteres Rechteck unmittelbar neben dem Eingang. Nicht gerade klein. Vier lebensgro\u00dfe Nazarener schleppen darin die Jungfrau in meine Richtung. Recht so, dann kann ich mir den Weg sparen. Und da sind ja auch endlich die schmuddligen Kutten.<\/p>\n<p>Wie w\u00e4re es, den Audioguide neben Touchscreen, Schachfiguren und M\u00e4rchenerz\u00e4hler, mit einem GPS-System f\u00fcr die Besucher zu erg\u00e4nzen? \u201eNach dem Eintreten bitte links abbiegen; in zwei Metern um neunzig Grad nach links wenden. \u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>between sound and image \/\/ a column about getting confused by using an audioguide during a visit at a museum Den Audiotrichter bitte mit Navigationssystem von Fabienne Lorenz Meist liegen die Audioguides in einem Museum abseits der Ticketkasse auf bewachten Tischen, wo ich nie vorbeischaue. 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