{"id":98,"date":"2009-02-03T15:41:08","date_gmt":"2009-02-03T13:41:08","guid":{"rendered":"http:\/\/cameracartell.com\/wp\/?p=98"},"modified":"2009-07-07T14:20:32","modified_gmt":"2009-07-07T12:20:32","slug":"performing-video","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/cameracartell.com\/wp\/?p=98","title":{"rendered":"PERFORMING VIDEO"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">an article comparing two videoartpieces  and reflections on potential forms of presentation: where are the borders between definitions like shortfilm, a video performance and\/or a video installation?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">text von stephanie lauke<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/cameracartell.com\/wp\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/zwischenzeit_still011.jpg\" alt=\"zwischenzeit_filmstill\" \/><br \/>\nEin junger Mann f\u00e4hrt durch die Berliner Nacht. Leise, fast unmerklich, zieht er seine Bahnen auf den rhizomatischen Gleisen des \u00f6ffentlichen Transportbetriebes. Das Fortbewegungsmittel: eine Draisine. Die Videoarbeit Zwischenzeit sensibilisiert f\u00fcr einen Zustand Berlins, l\u00f6st Grenzen in Raum und Kopf auf, dehnt das Territorium des Erlebbaren aus. Wir begegnen einer Heterotopie, die wir kennen und doch nicht kennen. 8 Minuten und 30 Sekunden dauert das Werk von Mischa Leinkauf und Matthias Wermke. Aber was ist es? Ein Kurzfilm? Eine Performance? Die Dokumentation einer Performance? Videokunst?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine andere Videoarbeit, ein anderer K\u00fcnstler: Wir befinden uns in einem Innenraum. Licht f\u00e4llt von oben herein und l\u00e4sst erkennen, dass der Raum halb mit Wasser gef\u00fcllt ist. Das Wasser tr\u00e4gt ein Schlauchboot in dem ein junger Mann sitzt. Die Welt als Kapsel &#8211; \u00e4hnlich den ersten Visualisierungen der Welt im Kosmos. Oder der Bauch eines Walfisches. Doch bald wird der Walfisch zum Tanklaster. Auch hier geht es um Fortbewegung. Aber nicht als solche, sondern um die \u00dcbertragung der Fortbewegung auf das Innere des Tanks. Dort spielt sich ein kleiner Sturm ab, die Wassermassen toben, das Boot wird zum Spielball. Dem jungen Mann wird ein wenig unheimlich, aber er h\u00e4lt sich tapfer im Boot. Er ist wasserdurchtr\u00e4nkt, da legt sich der Sturm und der Protagonist klettert durch die Luke aus dem Bild. Die Arbeit ist in einer statischen Einstellung gedreht, die Kamera an der gegen\u00fcberliegenden Innenseite des Tanks befestigt. Das Werk von Andreas Schneider mit dem Titel o.t. (jona) hat eine L\u00e4nge von 12 Minuten und 2 Sekunden, rein formal betrachtet ist es ebenfalls ein Kurzfilm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Wissenschaft und der Kunstkritik hat sich das Denken in Kategorien scheinbar bew\u00e4hrt. Die systematische Auseinandersetzung mit Kunstwerken setzt Kunstwerke zueinander in Bezug, ordnet sie Schulen und Gattungen zu, bestimmt ihren Wert durch Vergleich. Aber wird diese Objekt-ivierung den Kunstwerken gerecht? Erhalten wir dadurch zus\u00e4tzliche Informationen zum Werk? Die oben vorgestellten Arbeiten verweigern sich auf den ersten Blick dieser Objektivierung. Wie ein Kaleidoskop drehen und wenden wir sie und entdecken dabei neue Strukturen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Blicken wir in das Kaleidoskop von Zwischenzeit, sehen wir einen experimentellen Kurzfilm, in dem die Zeit durch die Montage gleichzeitig gedehnt und verdichtet wird. Der Protagonist, ein Reisender der Nacht, ist eine Vision oder eine Phantasie. Als Kurzfilm kann die Videoarbeit im Kino pr\u00e4sentiert werden, auf einem Festival f\u00fcr Experimentalfilme, als Vorfilm in einem Arthouse Cinema. Drehen wir das Kaleidoskop leicht, meinen wir in der Reise mit der Draisine eine Performance auszumachen. Eine Performance im \u00f6ffentlichen Raum, die allerdings so unmerklich und leise ist, dass diese performative Zwischenzeit erst durch ihre Aufzeichnung manifest wird. Wird das Kaleidoskop ein wenig gesch\u00fcttelt, kann die Aufzeichnung aber auch das Selbstverst\u00e4ndnis einer Dokumentation der Performance erhalten. Und noch einmal gesch\u00fcttelt, bieten sich aufgrund der Montage, der Neustrukturierung des filmischen Materials von Zwischenzeit, weitere Formen an, das Material zu pr\u00e4sentieren: So k\u00f6nnte Zwischenzeit auf mehreren Leinw\u00e4nden gleichzeitig pr\u00e4sentiert, als Projektion oder Installation im verdunkelten White Cube oder im \u00f6ffentlichen Raum ausgestellt werden. Was das K\u00fcnstlerduo im \u00dcbrigen in die Tat umgesetzt hat: Zwischenzeit gibt es auch als geloopte, dreikanalige Video-\/Audioinstallation mit einer L\u00e4nge von 17 Minuten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" style=\"float: right;\" src=\"http:\/\/cameracartell.com\/wp\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/ot_jona.jpg\" alt=\"o.t. (jona) videostill\" width=\"799\" height=\"444\" \/><br \/>\nIn das Kaleidoskop der Arbeit o.t. (jona) geblickt, erschlie\u00dfen sich uns ebenfalls unterschiedliche Facetten. Wir k\u00f6nnen unter o.t. (jona) eine Performance verstehen, die einen Prozess abbildet, in den sich der Protagonist begeben hat. Die Kontrolle gibt er mit dem Starten des Lasters aus der Hand. Die Pr\u00e4sentation der Performance betreffend sei beispielsweise die Pr\u00e4sentation als einkanalige Videoarbeit in einer Kunstausstellung angedacht. Leicht gedreht stellt sich uns im Kaleidoskop o.t. (jona) die Arbeit wiederum als Dokumentation dieser Performance dar. Die Notwendigkeit zur Dokumentation ist bereits in der Raumkonzeption des Tanks angelegt, die es nicht zulie\u00df der Performance vor Ort beizuwohnen. Anders betrachtet wird die Videoarbeit o.t. (jona) im Kaleidoskop zu einem experimentellen Kurzfilm, der Referenzen zu den ersten Gehversuchen des Kinos aufweist: Die ersten Filme der Br\u00fcder Lumi\u00e8re waren inszeniert, meist in statischen Einstellungen gedreht und erz\u00e4hlten von fremden bzw. unbekannten Orten. Die Pr\u00e4sentationsm\u00f6glichkeiten eines solchen Kurzfilms sind vielf\u00e4ltig: Wir k\u00f6nnten ihn als Projektion auf einem Film- oder Kunstfestival wieder finden, vielleicht in einem Filmprogramm oder installativ an einem entsprechenden Ort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als was die beiden k\u00fcnstlerischen Videoarbeiten, Zwischenzeit und o.t. (jona), bezeichnet werden k\u00f6nnen, das bestimmt, durch das Kaleidoskop betrachtet, nicht ausschlie\u00dflich ihr Inhalt, ihre Form, sondern der Kontext, in dem die Arbeiten pr\u00e4sentiert bzw. rezipiert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Performance und Video verbindet seit jeher etwas sehr Urspr\u00fcngliches, so wurden etwa die fr\u00fchen Performances der sogenannten Body Art (VALIE EXPORT, Vito Acconci, Bruce Nauman) mittels der damals verf\u00fcgbaren Videotechnik aufgezeichnet. Die K\u00fcnstlerInnen standen oftmals selbst vor der Kamera. Auch im Fall von Andreas Schneider und Matthias Wermke sind K\u00fcnstler und Protagonist jeweils dieselbe Person. Allerdings ist Vorsicht geboten, diese \u201aAuftritte\u2019 mit den Selbstdarstellungen bzw. Selbstinszenierungen der K\u00fcnstlerInnen der Body Art ohne weitere Reflexion in eins zu setzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stattdessen sei auf zwei Gebrauchsweisen von Video und Performance verwiesen, die den Performancebegriff weiter ausdifferenzieren. Irene Schubiger (2002) unterscheidet diesbez\u00fcglich zwischen \u201ePerformances f\u00fcr die Videokamera\u201c (Schubiger 2002, 52) und \u201eVideoperformance\u201c (Schubiger ebd.): die \u201ePerformances f\u00fcr die Videokamera\u201c bezeichnen k\u00fcnstlerische Handlungen, die zu reinen Dokumentationszwecken von einer Videokamera unter An- oder Abwesenheit des Publikums aufzeichnet werden. Motivation dieser Form der Performance ist die M\u00f6glichkeit, mittels Film- oder Videotechnik, den ansonsten ephemeren k\u00fcnstlerischen Ausdruck \u00fcber die Dauer der Performance hinaus festzuhalten. Das Videoband dient in diesem Fall ausschlie\u00dflich als Speichermedium der Performance. Ihm ist kein k\u00fcnstlerischer Ausdruck zu entnehmen &#8211; im Gegenteil zur zweiten Gebrauchsform, der videospezifischen \u201eVideoperformance\u201c. In diesem Fall wird die Performance explizit f\u00fcr die Videokamera vollzogen, \u201ethe lens becomes the future audience\u201c, so Marina Abramovic auf dem Symposion Kunst-Film-Kunst im Rahmen der KunstfilmBiennale 2007 in K\u00f6ln. Auch bei der Videoperformance kann das Material wahlweise nachbearbeitet werden oder so belassen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist bemerkenswert, dass Schubiger sowohl im Fall der Performance f\u00fcr die Videokamera als auch bei der Videoperformance in der Montage kein eigenst\u00e4ndiges Kriterium ausmacht. Inwieweit ist es notwendig bei einer Performance f\u00fcr die Videokamera das Material im Nachhinein umfassend zu bearbeiten? Je nach Umfang der Montage auf der Bild- und Tonebene k\u00f6nnte das Ausgangsmaterial kaum bis sehr ver\u00e4ndert werden. Im Fall gr\u00f6\u00dferer Eingriffe stellen diese den Selbstzweck der Dokumentation in Frage: Beispielsweise beauftragte der Wiener Aktionsk\u00fcnstler Otto M\u00fchl seinen Freund und Kollegen Kurt Kren mit einer Aufzeichnung seiner Performances im Sinne der Performance f\u00fcr die Videokamera. M\u00fchl wollte performen, Kren sollte es dokumentieren. Kren war allerdings so ambitioniert, dass er aus dem gefilmten Material der Performance eine eigene k\u00fcnstlerische Arbeit montierte, die \u00fcberm\u00e4\u00dfig viele Schnitte aufwies und von einer ganzen Bandbreite an Einstellungsgr\u00f6\u00dfen und disparater Kamerastandorte Gebrauch machte. M\u00fchl fand das gar nicht komisch und zerstritt sich mit Kren (vgl. den Text Intensit\u00e4t \u2013 K\u00f6per von Michael Palm im Booklet zur DVD Kurt Kren &#8211;  Action Films. Wien: Arge Index 2004). Der Eingriff der Montage ist also nicht zu untersch\u00e4tzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwischenzeit und o.t. (jona) k\u00f6nnen, nach Schubiger, als Videoperformances bezeichnet werden. Das inszenatorische Moment von Zwischenzeit ist sehr auff\u00e4llig und die umfassende Nachbearbeitung sowie das additive Soundscape unterstreichen, dass die Performance auf der Draisine f\u00fcr die Kamera gemacht wurde. Auch o.t. (jona) kann als Videoperformance gelten, gedreht in einer Einstellung. Schubiger differenziert in ihrem Text hinsichtlich der Gebrauchsfunktion der Videoaufzeichnung. Die Frage aber, ob es sich bei den besprochenen k\u00fcnstlerischen Arbeiten vorrangig um eine Performance oder um eine filmische Arbeit handelt, k\u00f6nnen die Begriffe Schubigers nicht leisten, unter anderem, weil das Kriterium der Montage au\u00dfen vorgelassen wurde, das aber besonders bei einer Videoperformance als relevantes Gestaltungsmittel gelten muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter pragmatischen Vorzeichen erhalten wir bei Zwischenzeit und o.t. (jona) weder durch die technischen Parameter noch durch das audiovisuelle Material Aufschluss \u00fcber Werk und Form, sondern erst durch die Pr\u00e4sentationform der Videoarbeiten. So gesehen ist jede Pr\u00e4sentation von Zwischenzeit und o.t. (jona) eine Aktualisierung als Film, als Performance, als Videokunst, als Dokumentation oder als Installation, etc. Die K\u00fcnstler generieren ihr Werk bei jeder Pr\u00e4sentation neu. Einerseits ist es spannend, zu beobachten wie sich eine k\u00fcnstlerische Arbeit, abh\u00e4ngig vom Pr\u00e4sentationsrahmen, \u00e4sthetischer\/inhaltlicher Schwerpunktsetzung oder kuratorischer Vorgaben modifiziert bzw. neu gestaltet. Andererseits kann dies zu Lasten der Werkspezifik, der klaren Definition eines Werkes gehen, es besteht die Gefahr der Beliebigkeit.<br \/>\nEinen schmalen Grad gilt es da zu bewandern.<\/p>\n<p>Feb.09<\/p>\n<p>Material:<br \/>\nSchubiger, Irene (2004): Selbstdarstellung in der Videokunst. Zwischen Performance und \u201eSelf-Editing\u201c. Berlin: Reimer.<br \/>\nPalm, Michael (2004): Intensit\u00e4t \u2013 K\u00f6per. Im Booklet zur DVD Kurt Kren &#8211;  Action Films. Wien: Arge Index.<br \/>\nZwischenzeit von Mischa Leinkauf und Matthias Wermke (2008) 8:30 min. www.stopmakingsense.de<br \/>\no.t. (jona) von Andreas Schneider (2008) 12:02 min.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>an article comparing two videoartpieces and reflections on potential forms of presentation: where are the borders between definitions like shortfilm, a video performance and\/or a video installation? text von stephanie lauke Ein junger Mann f\u00e4hrt durch die Berliner Nacht. Leise, fast unmerklich, zieht er seine Bahnen auf den rhizomatischen Gleisen des \u00f6ffentlichen Transportbetriebes. 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